Submitted by Admin on Sat, 2006-10-07 12:00.
Abstrakt
Dieser Beitrag beschreibt das zweite Projektjahr von "City Upgrade - High-spirited Networked City" (Info 1. Proj. Jahr) mit dem Titel: "City of The Multiverse". Der Schwerpunkt liegt, nach der Untersuchung vorhandener städtischer Räume im 1. Forschungsjahr 2005, in der Entwicklung und der räumlichen Ausformulierung eines Prototypen, eines hoch entwickelten "on-demand environment", welches die Realität des Multi-Versums (Prinzip Diversität) in zukünftigen Lebensumgebungen, in denen Virtualität und Realität verschmelzen, ermöglicht. Das Ziel ist die Entwicklung und das Design einer Modellösung für innovative Lebens- und Arbeits-formen für den europäischen Kulturraum im Zeitalter des Globalen Netzes, dem Zeitalter der Differenz, Ambivalenz und extremer Offenheit. Der einmal entwickelte Prototyp ist in anderen urbanen Umgebungen, auch unterschiedlicher Typologien implementierbar, das entspricht dem Prinzip der Nachhaltigkeit bzw. bedeutet wirtschaftlichen Mehrwert des Projektes. Im dritten Projekt-jahr soll der Prototyp als ein Modellraum in Graz 8020 realisiert und implementiert werden.
"City of the Multiverse" (www.ortlos.org) beschreibt auch das zweite Jahr der dreijährigen PILOTPHASE von A.N.D.I. A New Digital Instrument for networked creative collaboration, eine digitale Plattform, die bei der distribuierten Entwicklung des Projektes eingesetzt wird und das interdisziplinäre Team bei der kreativen Arbeit unterstützt (entwickelt als "OpenSourceSystem" 2001 bis 2004 mit finanzieller Unterstützung der Rep.Österreich, der Stadt Graz und des Landes Stmk). Code und Manual frei zugänglich unter http://www.ortlos.at/ bzw. http://www.ortlos.at/AWSP/ .
Anhand von Graz 8020 (Bezirke Lend und Gries) bedeutet die Anwendung des Prototyps die Installation eines "Boulevard der Produktion", mit der Annenstrasse als Rückgrat, durch "Raffinierung" des Rohstoffes Information. Das heißt: unsere Upgrade-Methoden basieren auf dem kontinuierlichen Fluss von Informationen ("continuous electronic engagement") innerhalb eines Gebäudes bzw. eines Gebäude-Netzes, eines Stadtviertels oder einer Stadt, und auf einem intelligenten Stadtmanagement, welches, dank des kontinuierlichen Infoflusses, schonend mit den vorhanden Ressourcen umgeht und diese permanent ökologisch erneuert. Im Klartext: Unser City Upgrade-Konzept konzentriert sich auf die vorhandene "Hardware" und versucht in erster Linie sie mit neuen "Programmen" (Implantaten) zu bestücken, die es ermöglichen, das "Alte" den neuen Anforderungen anzupassen - als vernetzte offene Systeme, die nach dem Prinzip einer distribuierten Intelligenz arbeiten: überall gleichzeitig und nirgendwo im einzelnen. Derart bleibt alt immer neu.
Durch gezielte Interventionen sollen die Bewohner von Graz-8020 aktiv in die Projektentwicklung eingebunden werden - dabei erfährt nicht nur das Projekt "City of the Multiverse" von den Bewohnern, was sie bewegt, sondern es leitet auch den Prozess einer Bewußtmachung und Kommunikation unter der sehr vielschichtig angelegten Bevölkerungsstruktur dieses Stadtteils (Eingesessene, Migranten, Studenten, multikulturelle Cluster...) ein. Wir werden eine interaktive Datenbank für leerstehende und umstrukturierbare Räume im Projektgebiet errichten, mit einer qualitativen Wertung der sozialen Strukturen und Aufzeigen der Potentiale für ein Upgrade ("social infrastructure & resources tagging").
Projektziel
Nach dem Start Up Workshop von City Upgrade im Herbst 2004 im Forum Stadtpark, Graz und einem Jahr intensiver interdisziplinärer Zusammenarbeit im 1.Projektjahr 2005, entstand eine Vision - oder besser eine latente Utopie - eines europaweiten Netzwerks von speziellen "vibrant agonistic public spheres" (C. Mouffe), in denen die Menschen die Fertigkeiten und Fähigkeiten erlangen können, die notwendig sind für ein erfolgreiches Leben im Zeitalter des Globalen Netzes.
Mit "vibrant agonistic public spheres" sind Plätze gemeint, wo Werte geschöpft werden. Plätze "between and around identities" (ortlos, nonlocation). Plätze folglich, die als genuine "Schwellen der Deterritorialisation" fungieren, die das Potential haben, die Moderne auf ihrem Weg von der Entweder-Oder-Gesellschaft von heute zur Und-Gesellschaft von morgen zu beschleunigen. Das Ergebnis ist eine Open-Source-Lebensmethode, die gleichzeitig als ein mögliches neues, postkapitalistisches Produktionsmodel fungiert. Produktion als Lust.
Es handelt sich um die Emergenz eines weitverbreiteten Unternehmensgeistes (enterprising spirit) unter den Bürgern, der es ermöglichen soll, dass diese in einer horizontal organisierten Zusammenarbeit mächtige Wissenspools schaffen. Was also die Einwohner in Graz 8020 dringend brauchen ist die Umstellung ihrer mind-sets als Voraussetzung für ein erfolgreiches City Upgrade. Um dies zu erreichen, brauchen wir ein dynamisches infrastrukturelles Environment (d.h. zahlreiche "vibrant agonistic public spheres") und eine Stadtverwaltung, die die Innovationskraft ihrer Bürger fördert.
Das Reale und das Virtuelle verstehen wir als komplementäre Erscheinungsformen mehrschichtiger Systeme, die sich nach dem "sowohl - als auch" -Prinzip der neuen UND-Gesellschaft im Zeitalter des universellen Urbanismus selbstregulativ organisieren und selbstdiagnostifizieren. Diese Systeme können in den bestehenden Altbaustrukturen leicht implementiert werden, wie eine Art Prothesen, um die Anpassungen an neue Anforderungen zu ermöglichen.
Das von uns angestrebte Ergebnis ist: intelligente, frei programmierbare "on-demand environment". Diese on-demand environments sind ursprünglich mit keinen spezifischen funktionalen, formalen, sozialen oder politischen Presets ausgestattet. Sie können beides seien: real und virtuell. Die in ihrem "Quellcode" einkodierte Offenheit macht es möglich, sie wann immer von einem Zustand in den anderen zu versetzen - 1 und 0 - entsprechend den Bedürfnissen und Wünschen der Anwender.
Die Folgen für die "City-user" werden gleich nachvollziehbar sein: Ein Netzwerk von selbstorganisierten, "smarten" Computingkomponenten, die, durch die ganze Stadt (oder ein Netzwerk von Gebäuden) verteilt, sie mit allem Nötigen versorgen, ohne dass sich die Bewohner bewusst darum kümmern müssten. Dies geschieht ungefähr auf dieselbe autonome Weise, wie unser Nervensystem unsere Körper reguliert und schützt.
Mit einem Wort: die Infrastruktur in 8020 agiert wie Golem Reloaded - sie macht das Alltagsleben leichter, ohne dass die Menschen dort daran denken müssen. Das Endresultat ist ein Modell einer "high-spirited networked city" mit der Annenstrasse als Rückgrat - dem künftigen Boulevard der Produktion (Produktion als Lust) - der den prosperierenden Stadtteil 8010 mit dem Hauptbahnhof bzw. mit dem Stadtentwicklungsgebiet im Westen (Urban II) verbindet.
Die naive Vorstellung, dass die Masse der Wissensarbeiter der Zukunft dezentral im Grünen wohnen, einzig einen Netzanschluss zum Arbeiten benötigen, und dank Web-Shopping ihr Heim nicht einmal mehr zum Einkaufen verlassen müssen, ist jedoch erwiesenermaßen grundfalsch. Der Mensch ist ein soziales Wesen, und mehr als vieles andere entscheidet das Gemeinwesen, in dem er lebt, über sein individuelles Lebensglück. Soziale Bindungen schaffen Wurzeln und Identität durch Identifikation und Zugehörigkeit.
Urbanität kann zukünftig nur gelingen, wenn die Ambivalenz von globalen Informations- und Arbeitsräumen einerseits und lokalen Lebensräumen andererseits nicht vollends zum Widerspruch wird (wie in der unheilvollen Verbindung von Schlafstädten/Wohnfabriken mit reinen Geschäfts- und Arbeits-Innenstädten). Wir halten dem Schreckensbild des vereinsamten Telearbeiters, wie dem der partikularisierten urbanen Gesellschaft, folgende Visionen entgegen, die im Folgenden weiter ausgeführt werden:
- Wissensarbeit kann eine fantastische Chance für eine neue Urbanität sein
- Die urbane Gemeinschaft kann im OpenSource-Informationsraum in einer ganz neuen Qualität zusammenfinden.
Gegenüber konventionellen Rohbaustoffen hat der Rohstoff Information die besondere Eigenschaft, dass seine Produktion und Verarbeitung bis hin zur weltweiten Verteilung des Endproduktes praktisch überall erfolgen kann. Dies erfordert keine Fabriken, keinen übermäßigen Energieeinsatz, es gibt keine giftigen Nebenprodukte. Wir übernehmen daher die These, daß die Wissensarbeit eine Möglichkeit darstellt, im neuen Jahrhundert eine neue Balance und Synthese von Arbeit und Privatleben zu finden.
Graz kann zwei einzigartige Assets aktivieren im Wettbewerb um die Elite der Wissensarbeiter: Ein europaweit sichtbares Image als Kulturstadt, und einen zentral gelegenen derzeit "perforierten" Stadtteil, 8020 (Bezirke Lend und Gries). Es könnte leicht mit Inhalt gefüllt werden, der mittel- und langfristig eine selbstverstärkende Magnetwirkung entfaltet: Die Initialzündung käme durch eine Informations-Infrastruktur, die ihresgleichen sucht im Grad der urbanen Vernetzung.
Collaboration
Die Voraussetzung: Zusammenarbeit eines interdisziplinären, internationalen Teams, das gemeinsam ein Projekt definiert, plant und umsetzt. Die einzelnen Teammitglieder begleiten das ganze Projekt oder nur Teilabschnitte. Die Größe des Teams wird bewusst offen gehalten.
3 unterschiedliche Methoden der Zusammenarbeit erwiesen sich im ersten Projektjahr als praktikabel und werden im 2.Jahr fortgesetzt:
- Physische Collaboration: Workshop, Labor, Konferenz, Protokolle -
- Virtuelle Collaboration: Mailinglisten, Videokonferenz, A.N.D.I., Web 2.0 Site www.ortlos.org
- Metaphysische Collaboration: Mission Statement, Manifest, Report
Instrumente
Digitale Plattform: Zum Einsatz kommt A.N.D.I. A New Digital Instrument for networked creative collaboration auch im 2. Projektjahr. Die Plattform wurde bereits im 1.Projektjahr eingesetzt (siehe Projektbericht). A.N.D.I. (www.ortlos.at)ist eine digitale Plattform, die in drei Froschungsjahren (2001-2004) mit finanzieller Unterstützung von BKA Österreich.KUNST, Land Steiermark Abt. Wissenschaft & Forschung und Abt. Kultur sowie der Stadt Graz Kulturamt entwickelt worden ist. Sie ermöglicht die kreative interdisziplinäre Zusammenarbeit von räumlich distribuierten Projektteilnehmern über das Internet. Die Plattform soll im zweiten Projektjahr um ein dynamisches 3D Tool (online), das dem dynamischen Kreativeprozeß räumliche Tiefe verleiht, erweitert werden. Das 3D Tool wurde von CGV TU Graz, einem neuen Partner, der für das Projekt gewonnen werden konnte, entwickelt. Das Institut beschäftigt sich mit GML-Technologie, "generativer 3D-Modellierung" (www.generative-modeling.org )
Web 2.0
Techniken Mit der Website www.ortlos.org (space engineering) haben wir bereits ein weiteres Instrument für die "online collaboration" installiert. Die Prinzipien wie OpenSource und Web 2.0-Techniken haben ihre Wirksamkeit bewiesen. Die Frage, die das Projekt beantworten wird, ist: wie wirken sich die Erfahrungen der digitalen communities im realen Raum aus. Zweifelsohne ist die grosse Revolution des Internets weniger die technologische, sondern vielmehr die Techniken der sozialen Interaktion der Nutzer und das Entfachen der unendlichen Kreativität jedermanns/jederfrau.
Datenbank
Der Projektplan sieht auch den Aufbau einer interaktiven Datenbank für leerstehende und umstrukturierbare Räume im Projektgebiet, mit einer qualitativen Wertung der sozialen Strukturen und Aufzeigen der Potentiale vor. Diese geht über eine kommerzielle Immobiliendatenbank hinaus, mit klassischen Fakten wie Lage, Größe, Zustand. "Social tagging", infrastrukturelle Vernetzungen und Informationen über vorhanden Resourcen, geben auch neuen "city-usern" genauen Einblick in das Gebiet und zeigen gleichzeitig Potentiale auf.
Medien
Die Forschungsergebnisse werden auch über das Medium Film kommuniziert: Die entwickelten städtischen Visionen werden gezeigt durch - "Nick`s Cave", so der Titel dieser "Stadtanimationen", die von uns generiert werden. Der Film wird die entwickelten städtebauliche Visionen in einer realen urbanen Umgebung zeigen, somit kommt es zu einer Überlagerung von Virtualität und Realität. Der Trailer konnte im ersten Halbjahr 2006 (mit finanzieller Unterstützung der Stadt Graz) fertiggestellt werden.
"Nicks Cave" ist ein Film über den Helden Nick, der sich in seiner Höhle (Cave) jeden virtuellen Traum erfüllen kann. Mittels fortgeschrittener Computertechnologie kann er sich jede Entsprechung der gewünschten realen Situation simulieren. Nick hat sich aus dem realen städtischen Leben zurückgezogen und hat eine egozentrische digitale Umgebung kreiert, ein "Multiversum", das bewusst gesteuert und nach Bedarf manipuliert wird. Eigentlich aus seiner Unfähigkeit heraus mit der Trostlosigkeit einer typischen europäischen Urbanität mittelgroßer Städte umzugehen, beginnt er die Suche nach dem "Spirit" eines vielschichtigen Raumes, der keine lokale Verankerung braucht.
Der Film "Nick´s Cave" soll eine Länge von 30min aufweisen und beinhaltet Elemente wie Computer Animationen - abstrakte reale Aufnahmen (video feedback) und Fotografie.
Releted to this topic are following stories: